Kreuzblume - Andrea Schacht

In Zeiten der Not sind Frauen schon oft über sich selbst hinausgewachsen und haben Dinge vollbracht, die ihnen unter normalen Umständen niemand zugetraut hätte.
Nun neigen die Menschen jedoch dazu, sich möglichst nicht in Situationen zu bringen, die ihnen persönlich nur zum Nachteil gereichen.
Was aber tun, wenn ein Krieg vor der Tür steht und der Mann auszieht, seine Heimat zu verteidigen und unter Umständen niemals wieder über die heimische Schwelle treten wird?
Der lange Arm der Franzosen
Genau dieser Frage muß sich Elisabeth Dahmen im Jahr 1794 stellen, als ihr Mann den Bescheid bekommt, mit seiner Einheit das heimische Köln zu verlassen um die ferne Stadt Mainz vor den Übergriffen der Fanzosen zu schützen. Sie bringt es nicht über sich, ihren Mann alleine in eine ungewisse Zukunft zu schicken und verlegt sich auf das was sie am besten kann: Aus allen Situationen das Beste machen. So geschieht es, dass aus ihrer Tochter Antonia, die gerade mal 4 Jahre alt geworden ist, ein Junge wird, damit dem Kind im Tross des Kölner Heers, dem sie sich als Marketenderin anschließt, nichts böses geschieht und es bestmöglich geschützt sein wird…
Zur selben Zeit, ebenfalls in Köln, muß sich der junge Cornelius von der Leyen eingstehen, dass sein bisheriges Leben alles andere als von Erfolg gekrönt war. Nachdem er aus der Universität ausgeschieden ist ohne seinen Abschluß gemacht zu haben, wird er von seinem Vater verstoßen und so beschließt er, sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, allerdings durch Mittel, die nur zu einem nützlich waren, ihn an den Ort zu bringen, wo er sich nun mit brennender Schulter wieder findet – am Pranger von Köln mit Blick auf die große Baustelle, wo der Kölner Dom entstehen soll…
Die Geschichte des Kölner Doms aus einer anderen Perspektive
Andrea Schacht hat sich mit diesem Roman zur Aufgabe gemacht, den Leser auf eine Reise durch die Zeit mitzunehmen, hin zu einem phantastisch Anmutenden Unternehmen, dem Bau des Kölner Doms. Dieses faszinierende Bauwerk Gotischer Kunst schlägt noch heute viele Beobachter in seinen Bann und seine Entstehungsgeschichte ist in der Tat sehr interessant.
1248 mit dem Bau begonnen, erfährt der Dom über die Jahrhunderte hinweg immer wieder Neuerungen an seinem Erscheinungsbild. Um 1540 herum wird der Dombau eingestellt, erst wegen mangelndem Interesse an dem Bau, später auch weil die finanziellen Mittel einfach nicht mehr reichen. 300 Jahre lang beherrschte der Kran auf dem unvollendeten Südturm des Doms das Stadtbild Kölns.
Durch die Französische Revolution und die darauf folgenden Koalitionskriege wurden viele Reliquien und Kirchenschätze aus den größeren Klöstern und Kirchen evakuiert und an anderen Orten versteckt. Diese wertvollen Transporte, auf denen neben Reliquien und sonstigen Wertgegenständen auch Bücher gerettet werden sollten, wurden nicht selten Opfer von Räubern und Wegelagerern. So kam es, dass auch die Originalen Baupläne für die Domfassade verschwanden.
Verloren und Gefunden
Auf die verschwundnen Dombaupläne setzt Andrea Schacht das Hauptaugenmerk ihres aktuellen Romans.
Die junge Antonia stolpert auf ihren Streifzügen durch die verschiedenen Orte in denen der Tross halt macht, in einer verlassenen Köhlerhütte über Teile von diesen Kirchenschätzen ohne zu ahnen, welch einen Fund sie hier gemacht hat. Das geht ihr erst sehr viel später auf, als sie einen blinden Mönch durch Zufall kennenlernt. Und noch ahnt sie nicht, dass es neben dieser Entdeckung noch weitere dunkle Geheimnisse in ihrem jungen Leben gibt.
Es gelingt Andrea Schacht immer wieder, den gewonnen Spannungsbogen aufrecht zu erhalten. Zum einen durch die vielen kleinen und großen Geheimnisse ihrer Protagonisten, zum anderen auch durch die Vielzahl der Figuren, die diesen Roman beleben. In kurzen Kapiteln steht immer wieder eine andere Hauptfigur im Vordergrund, bis sich nach und nach alle ihren Platz in dieser raffiniert ausgearbeiteten Geschichte gesichert haben.
Um nicht den Überblick zu verlieren, befindet sich im Anhang des Buches ein Glossar, in dem die wichtigsten Personen mit ihren Eigenschaften aufgeführt werden, was durchaus sehr hilfreich ist.
Jeder einzelne Charakter ist so vielschichtig in seiner Persönlichkeit und so natürlich in seinem Tun, dass man zu keiner Zeit die Handlungen der einzelnen Personen in Frage stellt. Nachvollziehbar und sympathisch beschreibt Andrea Schacht die Kölner Bürger, deren Schicksal und Leben mehr oder weniger direkt mit der halben Bauruine des großen gotischen Gotteshausen verwoben sind.
Und sie alle haben ihren Anteil daran, dass letzten Endes das Werk vollbracht wird, das 1248 mit der Grundsteinlegung des Kölner Doms seinen Anfang nahm.
Tintagel - 4. Jun, 21:30
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