[Rezension] Die Liebenden von Leningrad - Paullina Simons
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Die Liebenden von Leningrad Simons, Paullina Historischer Roman, Russland, 20. Jahrhundert Seiten: 750 Bewertung: ![]() |
Tatjana, jung und noch voller Idee, Träume und Illusionen, trifft an einem Sonntag in Leningrad auf den jungen Offizier Alexander. Es ist die große Liebe, scheinbar auf beiden Seiten, doch sie ist bedroht. Die nahende Front, die Leningrad immer näher rückt, ist nur eine recht geringe Gefahr für das junge Glück, wenn auch eine, die nicht zu unterschätzen ist. Doch einen viel größeren Schatten wirft Tatjanas große Schwester auf das Glück der beiden jungen Menschen, denn Dascha ist mit Alexander liiert.
Zwei Schwestern lieben den gleichen Mann
Als der zweite Weltkrieg in Russland ausbricht, ist Tatjana noch keine siebzehn Jahre alt. Ihre Familie lebt als anständige Kommunisten auf zwei Räumen zusammen, sodass es mit Oma, Opa, den Eltern und den Geschwistern Dascha und Pascha schon recht eng ist. Kurz nach dem Bekanntwerden des Eintritts in das Kriegsgeschehen besteht Tatjanas Vater darauf, den Sohn in ein Ferienlager zu bringen, immer in der Hoffnung, ihn auf diese Weise vor dem Einzug in die Armee zu bewahren. Während die Familie den Sohn zum Zug bringt, soll Tatjana Lebensmittel kaufen gehen. Doch der Backfisch ist sich der Gefahren des nahenden Krieges nicht bewusst und sieht die Zukunft eher rosig, romantisch und abenteuerlich. Während sie dann doch der Order ihres Vaters nachkommt, begegnet sie einem jungen Soldaten, der es ihr vom ersten Moment an vollkommen angetan hat. Alexander seinerseits ist fasziniert von Tatjana. Als die beiden ins Gespräch kommen, fühlt sich Tatjana im siebten Himmel. Doch der Sturz aus den rosa-roten Wolken kommt schon bald und ist sehr hart: Alexander entpuppt sich als der Freund von ihrer großen Schwester Dascha…
Authentische Schauplätze und glaubwürdige Charaktere bevölkern dieses Buch
Paullina Simons ist in Leningrad geboren worden und auch dort aufgewachsen, daher rührt wohl ihr Geschick, die Zustände in der kommunistischen Stadt so authentisch wider zu geben. Es gelingt der Autorin, ihre Leser mit auf eine Zeitreise zu nehmen. Nicht nur in ein fernes Land, sondern auch hinein in eine Kultur, die so Grundverschieden in allem ist, was die meisten aus eigener Erfahrung kennen.
Die beengte Wohnsituation, die geringe – wenn überhaupt vorhandene – Privatsphäre von den Menschen, die in einer Wohnung zusammen leben, die für gewöhnlich nicht größer ist, als ein Zimmer und als einzigen Luxus sowohl eine Gemeinschaftsküche als auch ein Gemeinschaftsbad bietet. Der Gestank auf den Fluren, der Schmutz und Dreck innerhalb der Häuser lassen den Leser nicht mehr los und verfolgen ihn durch das gesamte Buch. In krassem Gegensatz dazu stehen die Beschreibungen der Parkanlagen und Sehenswürdigkeiten in Leningrad, die lauen Sommernächte, in denen Tatiana und Alexander Spaziergänge unternehmen, oder aber einfach nur auf einer Bank sitzen und sich Unterhalten. In diesen Momenten möchte man sofort ins nächste Reisebüro laufen und sich einen Flug nach Russland buchen – in die Vergangenheit und hinein in die Stadt Leningrad, die so vielschichtig ist.
Vielschichtig sind aber nicht nur die Beschreibungen von der Umgebung und Begebenheiten rund um Tatiana und Alexander, sonder auch Paullina Simons Charaktere an sich. Keiner von ihnen handelt jemals unglaubwürdig und die Geschichte wirkt zu keiner Zeit konstruiert. Weder der saufende Vater noch die verbrauchte Mutter Tatianas sind dazu angetan, dem Roman künstlich zuzuspielen, vielmehr wird durch die Beschreibung der elendigen Zustände nur noch deutlicher, wie es gewesen sein muß, im Jahr 1941. Die Trostlosigkeit der Zeit spiegelt sich in den Menschen wider, die sowieso kaum eine Chance auf ein glückliches Leben hatten und denen mit Ausbruch des Krieges alles genommen wird, was auch ein ärmliches Leben lebenswert macht. Dascha, die egoistisch wirkende große Schwester, die verzweifelt versucht, ihr Glück zu halten, ist ebenso glaubwürdig wie die immer Hilfsbereite und Aufopferungsvolle Tatiana, der im Grunde nur daran gelegen ist, nicht selbst an den Kriegswirren und den sehr gespannten Familiärenverhältnissen vollends zu Grunde zu gehen und deren einziger Lichtblick in dieser Trostlosen Umgebung die schillernde Gestalt des Offiziers Alexander ist. Dieser ist absolut dazu angetan, der Frauenwelt sämtliche Herzen zu brechen. Groß, überaus gutaussehend und auf eine so herzliche Weise Tatiana zugetan, dass es einem oftmals die Tränen in die Augen treibt, wenn er wider einmal verzweifelt versucht, nicht nur sein Leben und das Tatianas zu retten, sondern auch seine Liebe zu beschützen, die ihm so viele Steine in den Weg legt.
Eine Liebesgeschichte, so strahlend hell wie der Himmel und so düster wie die Hölle
Tatiana und Alexander verbindet eine Liebe, die so strahlend ist wie der Himmel und deren Kehrseite so düster ist wie die finsterste Hölle. Während die beiden jungen Leuten endlich jeweils den einen Menschen gefunden haben, mit dem sie ihr weiteres Leben verbringen wollen, hat ihnen das Schicksal eine eher tragische Rolle zugedacht. Tatiana bringt es nicht übers Herz, das vermeintliche Glück ihrer Schwester zu zerstören, und leidet lieber selbst Höllenqualen. Die Situation wird auch dadurch nicht besser, dass Dascha bald die einzige Person ist, die Tatiana noch bleibt. Obwohl sich Alexander in dieser Dreiecksbeziehung mehr als Unwohl fühlt, beugt er sich dem Wunsch Tatianas und spielt weiterhin brav seine Rolle. Doch dann begeht Tatiana einen Fehler und scheint ihre Liebe verloren zu haben. Ein Happy – End, das sowieso schon recht unwahrscheinlich ist, rückt in weite Ferne…
Absoluter Lesetipp
Dieses Buch ist ein absoluter Lesetipp. Auch wenn man rein vom Klappentext her die Vermutung äußern könnte, hier einem reinen Liebesroman zu begegnen, würde man diesem Roman damit unrecht tun. Paullina Simons legt ebensoviel Wert auf die Beschreibung des Lebens, während der Belagerung Leningrads und der Lebensumstände der Zeit, wie auf die Zwischenmenschlichen Beziehungen ihrer Protagonisten.
Gerade die Abwechslung von Alltag, Kriegsgeschehen und den wenigen Begegnungen zwischen Alexander und Tatiana geben dem Buch eine Atmosphäre, die es dem Leser fast unmöglich macht, das Buch aus der Hand zu legen. Die vielen Schicksalsschläge, die Tatiana ereilen und die sie sehr umsichtig meistert, lässt auf siebenhundertfünfzig Seiten einen Backfisch zu einer Frau werden, der man kein X mehr für ein U vormachen kann.
Wer dieses Buch nicht gelesen hat, der weiß nicht, zu was ein guter Roman fähig ist. Die Liebenden von Leningrad könnte man mit einer Achterbahn vergleichen, auf jede Höhe folgt unweigerlich eine Tiefe, wobei jedoch immer ein Spannungsbogen erhalten bleibt, der den Leser dazu zwingt, erst dann in der Nacht das Licht zu löschen, wenn einem schon die Augen zugefallen sind.
Tintagel - 19. Okt, 22:59
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vielen Dank für diese tolle Rezension. Das Buch liegt ganz oben auf meinem SuB, und ich werde in Kürze an der Eulen-Leserunde teilnehmen. Jetzt freue ich mich noch mehr darauf.
LG
Susanne